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Wir sind das Volk ! Teil 2

04/02/2011 15:03 (Kommentare: 0)

Die echte Mauer, das, was davon übrig geblieben ist, ist in Rapid City oder in kleinen Plastiktüten bei Ebay zu erwerben. Es bleibt wohl ein kleines Stück in der Stadt, versteckt, eingezäunt, gefangen. Man sagt, dass es die Mauer der Schande war, und die Schande zeigt man nicht.

Wir spazieren und wir schauen uns diese unsichtbare Mauer an, die die Stadt zwischen Ost und West verteilt. Die gigantische, unumgängliche Mauer. Schlimmer als Beton, weil aus Vorurteilen und Blödsinn gebaut.
Du kannst die neuste Mode tragen, deine Schuhe sind “in”, doch sobald dein Mund sich öffnet und das Wort „Osten“ fällt, sehen sie dich als störend an, altmodisch ist dein Look und deine Gedanken. Ein Zurückgebliebener.
In den Siebzigern zurückgeblieben, zurückgeblieben, weil du nicht weißt, weil du nie wissen wird.

Scheiße ! Sie nerven, wir haben den großen Bruder nicht ausgesucht. Er hat sich installiert, hat uns geplündert, gezähmt, eingewickelt, erniedrigt und ist weg gegangen…

Und als er weg gegangen ist, war ich an der Grenze, die Mauer schützend, die uns schützen sollte. Ich hielt meine Kalaschnikov fest und mein Stahlblick ließ die auf der anderen Seite zittern, weil sie wussten, dass unsere Waffen sprechen können.
Ich genoss diese Macht, ein winzig kleiner Genuss für eine Macht über Leben und Tod.

Als er gegangen ist, ist meine Frau in einem im Westen zugelassen Kofferraum weg gefahren. Sie hatte nicht viel mitgenommen, nur das Wertvollste, in der Wärme ihres Bauches.

Ich erinnere mich an diese Spannung, diese immense Hoffnung, die in diesen paar Worte pulsierte: “Wir sind das Volk !”
Worte, die mich Gänsehaut bekommen ließen, die mein Herz zum Leben erweckt haben. Worte, die einen echten Wert, eine echte Macht und genug Kraft gehabt haben, um die DDR auf die Knie zu zwingen und ein Blutbad zu vermeiden.

November 89 und ich wollte mit denen auf der Straße brüllen. Wir waren nicht weit auseinander. Ich und meine Waffe denen gegenüber, Tränen in den Augen wegen des Blicks auf das Volk, dem wir dienen wollten. Angst auch, Angst vor der Gewalt, die ihren Weg gesucht hatte, vor dem widerlichen Befehl, den wir gefürchtet haben, und vor dem Konflikt in mir.

“Wir sind das Volk ! Wir sind das Volk !”

Berliner Mauer

Dann sind die Wessis auf die Mauer geklettert, UNSERE Mauer. Sie haben sie uns geklaut. „Alarm“ hätte es in unseren Herzen läuten müssen.

“Es ist nur der Anfang ! Es ist nur der Anfang !”

Die Mauer ist gefallen unter den lächerlichen Schlägen der Hämmer. Ein Symbol, das ein anderes Symbol zu Fall brachte. Keiner hätte eine Sichel mit sich getragen an diesem Herbstabend.

Zuerst war es ein Eldorado… Wir rannten auf die andere Seite, um uns mit den Lichtern der Stadt zu betäuben. Wie meine Nina es sang: “Es ist alles so schön bunt hier!”

Die NVA war aufgelöst und ich wurde in Großdeutschland wiedergeboren, nicht so groß wie es einmal war, aber trotzdem größer als gestern.

Und dann, wie in allen Eldorados, kamen die Konquistadoren. Sie entdeckten unser Land.
Sie hatten ihre Rüstung weggelassen, um gestreifte Anzüge anzuziehen. Sie hatten ihre Musketen gegen Rechner getauscht und ihre Pferde auf dem Altar von BMW geopfert.
Sie zerstörten unsere Industrie wie sie damals Pyramiden zerstört haben, um Kathedralen zu errichten.
Kathedralen aus Wind und Ruinen.
Statt die Körper der Einheimischen, in Sklaverei gefallenen, zu stapeln, stapelten sie die Proleten in der Statistik der Arbeitslosen. Diese Ziffern anzuschauen, ist wie Tode zählen.

Nach der Plünderung, mussten sie wohl verwalten. Die Millionen von Faulenzern, die nicht arbeiten wollten…

Ich höre jetzt auf, sonst werde ich wieder weinen.
Ich denke an diese wunderbaren Worte, die so oft in meinem Gedächtnis klingen.

“Wir sind das Volk !”

Diese Worte, die ihren Sinn in unserem modernen Deutschland verloren haben. Was ist das Volk hier? Eine hirnlose Armee vulgärer Verbraucher von einer räuberischen Elite geplündert? Wer wird dieser Worte, um Gerechtigkeit zu verlangen, wieder auf der Straße brüllen?

Bundestag BRD

Siehst du, meine Tochter, die ich nie gesehen habe, die ich von ganzem Herzen liebe, diese Worte, jetzt, wenn du sie hörst…

Es ist, weil Neo-Nazis neben dir demonstrieren.

Ende

Deutsche Fassung : 2008 mit Unterstützung von Kathrin Schumann

Bild - Wikimedia - Nordhausen, Schrottplatz, Trabants, Wartburgs - 1990 - Lizenz :

Creatvie commons bysa

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